Dr. Anja Cherdron-Modig spricht über die Arbeiten von Iris Lehnhardt

 

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Als Inspirationsquelle für ihre Kunst bezeichnet Iris Lehnhardt ihre Liebe zur Musik und die Naturverbundenheit. Geboren 1966 in Sobernheim, verbrachte sie ihre Kindheit und Jugend in der ländlichen Umgebung des Hunsrücks, die raue Schönheit dieses Landstrichs hat sie nachhaltig geprägt. Beim aufmerksamen Betrachten können wir nachvollziehen, wie Iris Lehnhardt in ihren Arbeiten den magischen Momenten der Natur nachspürt.

1988 schuf sie ihre erste Materialcollage, die Collage im Medium der Malerei bildet eine Konstante in ihrer weiteren künstlerischen Entwicklung. Ein adäquates Ausdrucksmittel fand sie schließlich in der Kombination von Wachs – als organisches Material mit einer Verbindung zur Natur – und ihrem intuitiven gestischen Ausdruck. Für Iris Lehnhardt kommt dem künstlerischen Entstehungsprozess eine wesentliche Bedeutung zu. Ihre Arbeitsweise entspricht einem experimentierenden Prozess mit collagenartigen Elementen aus eingebundenen weißen Papieren kombiniert mit Wachs, Acrylmalerei sowie Kohle-, Grafit-, Kreide- und Tuschezeichnung. Das Ausloten der Möglichkeiten des Zusammenfügens von Materialien und deren Auflösung in einem offenen Arbeitsprozess kennzeichnet ihre Arbeit.

 

Die Bilder von Iris Lehnhardt bewegen sich im Spannungsfeld zwischen weißen Bildflächen, gestischer Malerei und grafischen Elementen. Die in mehreren Schichten aufgebauten Arbeiten weisen bei näherem Hinsehen eine Vielzahl von Strukturen auf. Diese wie Intarsienarbeiten anmutenden Strukturen und eine feine haptische Qualität der Oberfläche verleihen den Werken ihre Materialität und räumliche Tiefe.

 

In dem Bild mit der Nr. 51 wird das für die Landschaftsdarstellung traditionell verwendete Längsformat durch das aktive, Nähe suggerierende Hochformat ersetzt. Das dominierende Weiß im Vordergrund lenkt unsern Blick in das obere Drittel des Bildes, in dem sich schemenhaft Elemente einer Landschaft, ein Zaun bzw. zwei Bäume abzeichnen. Unter den weißen mit Einritzungen und Übermalungen versehenen Farbschichten schimmern gestische Kohlestrichzeichnungen durch. Die Strukturen auf dem weißen Grund verleihen der Arbeit Tiefe und es entsteht ein Eindruck von Gegenlicht auf der Bildfläche, welches die Intensität der Braun- und Schwarztöne reduziert.

 

Im selben Raum sehen Sie auch zwei Beispiele für kompositorische Studien. In den Line and Shape Studies skizziert Iris Lehnhardt mit wenigen Pinselstrichen eine dreidimensionale Figur im Bildraum. Mittels der hellen Lasur und Strichzeichnungen im unteren Drittel des Bildes übersetzt sie die dreidimensionale Figur in die zweidimensionale Fläche des Papiers. In der Arbeit Line and Shape Studies 02 erscheint die weiße Linie auf dem Schwarz wie eine Spiegelung der schwarzen Linie auf weißem Papier. Auch diese Studien entstehen in Serien, Iris Lehnhardt entfaltet ihre bildnerische Phantasie in Varianten.

 

Ihr großes monochromes weißes Bild durchbricht unsere Vorstellung einer scheinbar neutralen weißen Leinwand. Es weist eine zarte Vielschichtigkeit und eine enorme Oberflächenspannung auf. Die weiße Bildfläche wechselt zwischen Perlmutt artig schimmernd und matten Flächen neben transparenten Lasuren, unter denen schwarzen Strukturen durchschimmern.

M.E. kann das Bild als Summe der Werke von Iris Lehnhardt in der Ausstellung gelesen werden: In allen Arbeiten findet sich der Verweis auf eine Spur, die erkennbar wird und durch die unterschiedlichen Materialschichten generiert wird. Mannigfaltige künstlerische Gesten, die in der Vergangenheit liegen, aber durch unsere Betrachtung wieder durchscheinen.

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Auszug aus einer Rede von Dr. Anja Cherdron-Modig anlässlich der Gemeinschaftsausstellung "Neu im BBK" Rathaus Wiesbaden 31.01.2017